Grundwasserförderung: verträglich und nachhaltig
Prof. Dr.-Ing. Wilfried Schneider vom Institut für Wasserressourcen und Wasserversorgung an der Technischen Universität Hamburg-Harburg beschäftigt sich seit Jahren mit der Grundwasserförderung. Im Gespräch erläutert er die Grundbedingungen in der Nordheide für die Nutzung der Grundwasservorkommen.
Herr Prof. Schneider, wie beeinflusst die Grundwasserförderung die Flora und Fauna der Nordheide?
Die Nordheide ist durch ihre natürliche Struktur gut vor den Schäden geschützt, die vielleicht in anderen Gebieten durch eine Grundwasserförderung entstehen könnten. Dazu tragen die geologischen und hydraulischen Verhältnisse in der Lüneburger Heide bei, also die Beschaffenheit und der Aufbau der Bodenschichten sowie das Strömungsverhalten des Wassers unter dem Erdboden.
Was bedeutet das genau?
Im Gestein hat sich im Laufe der Jahrtausende ein mehrstöckiges Porenraumsystem gebildet, durch das das Grundwasser fließt. Diese so genannten Grundwasserleiter unterscheiden sich in ihrem Aufbau je nach Region. In der Nordheide findet sich wie in allen eiszeitlich geprägten Gebieten ein komplexes System mit drei übereinanderliegenden Hauptgrundwasserleitern. Diese muss man sich wie weitflächige unterirdische Kanäle vorstellen, die zwischen den Gesteinsschichten verlaufen. Zugleich sind diese Leiter durch undurchlässige oder zumindest wasserhemmende Schichten voneinander getrennt. Das ist ein Vorteil. Denn wird diesen Reservoirs Grundwasser entnommen, hat das keinen oder nur sehr geringen Einfluss auf die höheren Schichten und damit das oberflächennahe Grundwasser.
Warum ist das positiv?
Die höhergelegenen Grundwasservorkommen speisen die Vegetation, die auf stetig vorhandenes Wasser angewiesen ist.
Auf welche Stellen in der Nordheide sollte dennoch besonders geachtet werden, wenn es um mögliche Auswirkungen geht?
Nur an Stellen, an denen die Grundwasserleiter mit dem oberflächennahen Wasser verbunden sind, kann es passieren, dass das Grundwasser bemerkbar sinkt. Wir müssen unser Augenmerk auf die Niederungen entlang der Flüsse und Bäche legen, wobei Heidebäche auch in heißen Sommern oftmals trockenfallen – sie werden stark von Verdunstung und der Wasseraufnahme der Pflanzen beeinflusst.
Sind die Brunnen des Wasserwerkes Nordheide an der richtigen Stelle gesetzt?
Ja, sie stehen im tiefsten der drei Hauptgrundwasserleiter. Dieser hat zudem einen weiteren Vorteil: Er befindet sich weitflächig unter Druck. Der Grundwasserspeicher hat sich im Laufe seiner Entstehung an die vielen Täler und Niederungen angepasst. Die Wassermenge liegt daher nicht still wie in einem See, sondern eher wie in einem Siphon. Weil die Speicher wasserdicht nach oben abgeschlossen sind, reicht eine Bohrung und das Wasser sucht sich den Weg aus dem Loch heraus. Es kommt wie eine Fontäne herausgeschossen.
Inwiefern hilft das dem oberflächennahen Grundwasser?
Diese so genannten arthesischen Bereiche treten nicht dort auf, wo das Grundwasser nah an der Oberfläche liegt. Deswegen führt eine Entnahme im Grundwasserspeicher in der Regel nicht zu einer Absenkung des oberflächennahen Grundwasserspiegels. Wenn es mal passiert, sind das zu vernachlässigende kleine Bereiche. Oberflächennahe Grundwasserabsenkungen sind daher – soweit ich informiert bin – nur in relativ kleinen Gebieten bei Welle, Hanstedt und Toppenstedt möglich.
Wenn sich Grundwasser absenkt – können dann auch Quellen versiegen, weil sie aus den Vorkommen gespeist werden?
Nein, eher nicht. Viele Bäche entspringen so genannten schwebenden Grundwasserkörpern, die in der Nordheide sehr verbreitet sind. Sie liegen über dem großräumig zusammenhängenden Grundwassersystem und sind nicht mit diesem verbunden. Deswegen beeinflusst sie die Grundwasserentnahme durch das Wasserwerk Nordheide nicht. Auf der anderen Seite sind diese Grundwasserkörper oft sehr klein. Deshalb können solche Quellen im Laufe eines Jahres auch einmal versiegen. Die Gründe dafür: die Witterung und mangelnde Grundwasserneubildung.
Sie sprechen die Witterung an: Wird der Klimawandel das Grundwasser in der Nordheide beeinflussen?
Hamburg und auch die Nordheide liegen in der maritimen Klimazone, in der sich durch den Klimawandel die Niederschläge in geringem Maße vom Sommer in den Winter verlagern werden. Der Jahresniederschlag aber bleibt gleich und nimmt eher leicht zu. Da sich sowieso das meiste Grundwasser im Winterhalbjahr bildet, wirken sich die geringeren Sommerniederschläge kaum aus. Das bestätigt auch die Auswertung der Klima-Messreihen, die der Deutsche Wetterdienst in den vergangenen 30 Jahren ermittelt hat. Die Grundwasserstände in der Nordheide werden damit stabil bleiben.