Wiederaufbau nach dem Großen Brand 1842

Britischer Ingenieur legt vor 175 Jahren den Grundstein für die zentrale Wasserversorgung

Hamburg schreibt Geschichte: Als erste Stadt auf dem europäischen Festland wurde die Wasserver- und Abwasserentsorgung hier zentral geregelt. Die historische Chance lieferte der Wiederaufbau nach dem Großen Brand 1842. Eine technische Pionierleistung des britischen Ingenieurs William Lindley, die Schule macht.

„Wer sich in die Zeit vor dem Großen Brand zurückversetzen möchte, darf keine empfindliche Nase haben. Es stank fürchterlich im überfüllten Hamburg“, erklärt Friederike Hagemann von der Stiftung Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe. Auf den Plätzen und in den Gassen sammelten sich Müll und die Überreste menschlicher Bedürfnisse. Handwerksbetriebe leiteten ihre Abwasser in Elbe und Alster, wo auch Fäkalien und Urin landeten. Sauberes Wasser? Fehlanzeige! Was die Menschen zum Trinken, Kochen und Waschen brauchten, kam meist aus Elbe, Alster oder den Fleeten. Wer es sich leisten konnte, kaufte sein Wasser an Brunnen und ließ es sich von Wasserträgerinnen nach Hause bringen. Vereinzelt wurden bereits Holzleitungen gebaut, die frisches Wasser lieferten. Aber das blieb die kostenspielige Ausnahme.

Im Mai 1842 ereignete sich eine der größten Katastrophen in der Hamburger Geschichte: der Große Brand. Ein Viertel der Stadt wurde zerstört; fast 20.000 Menschen verloren ihre Wohnungen; das Rathaus, die Nikolaikirche und die alte Börse fielen dem Brand zum Opfer. Das Feuer deckte tragisch die Unzulänglichkeiten der Hamburger Wasserversorgung und der engen, hölzernen Bebauung auf. Die tideabhängigen Fleete, aus denen die „Wittkittel“ genannten Löschkräfte ihr Wasser pumpten, führten bei Ausbruch des Brandes nur wenig Wasser. „Das Jahr 1842 wurde so zu einem Wendepunkt. Die Hamburger Bürger erkannten das zerstörerische Feuer als Signal ihre Stadt ganz neu zu erfinden. Es war die Geburtsstunde für die moderne Wasserversorgung und einen modernen Städtebau“, erklärt Friederike Hagemann.

Zum großen Glück der Hamburger war der Brite William Lindley zu der Zeit in der Hansestadt. Der Ingenieur aus London entwickelte ein Kanalisationskonzept, das Regen- und Abwasser in die Elbe leiten sollte. Am 29. November 1842 – nur wenige Monate nach dem Großen Brand – begannen die Bauarbeiten für das erste Siel an den Großen Bleichen. Die Sielausmündungen in die Elbe wurden mit selbstschließenden Fluttoren ausgestattet: Sie schlossen sich wenn die Elbe anstieg durch den Wasserdruck automatisch und verhinderten, dass die Stadt bei Hochwasser überschwemmt wurde. Bei sinkenden Pegeln öffneten sie sich durch den Druck des inzwischen in den Sielen aufgestauten Abwassers. Innerhalb weniger Jahre entstand ein weit verzweigtes, kilometerlanges Kanalnetz im Untergrund.

Zum Bau des Abwassersystems kam eine zentrale Wasserversorgung. Die Stadtwasserkunst in Rothenburgsort ging 1848 in Betrieb. Nach Lindleys Plänen wurden vier große Becken gebaut, in denen sich der Schlamm absetzen konnte bevor das Wasser über gusseiserne Leitungen weitertransportiert wurde. Lindley hatte schon früh eine Reinigung des Elbwassers empfohlen, die Sandfilter wurden jedoch unter anderem aus Kostengründen nicht gebaut. Erst nach Hamburgs letzter großer Cholera-Epidemie 1892, bei der 17.000 Menschen erkrankten, wurden die Pläne für eine Langsamsandfiltrationsanlage auf der Elbinsel Kaltehofe umgesetzt. So wurde das Elbwasser von mineralischen und organischen Rückständen gereinigt.

Der Wasserturm, der bis heute zu den Wahrzeichen von Rothenburgsort zählt, beherbergte übrigens die Technik für den Druckausgleich. 1850 hatten bereits ein Drittel der Haushalte einen eigenen Wasseranschluss. „Lindley legte die Grundlagen unserer heutigen Wasser- und Abwasserversorgung. Seine Pläne waren revolutionär“, fasst Hagemann die Leistung des Ingenieurs zusammen. Die Hamburger setzten Lindley zum Dank nahe der U-Bahn-Station Baumwall ein Denkmal. Später verhalf er übrigens auch Städten wie Frankfurt, Warschau und St. Petersburg zu fließend Wasser.
 


Hummel Hummel

Hans Hummel ist in Hamburg allgegenwärtig. Verschiedene Statuen erinnern an das mühsame Geschäft des Wasserträgers, das allerdings in der Regel den Frauen überlassen war. Mit bürgerlichen Namen hieß Wasserträger „Hummel“ übrigens Johann Wilhelm Bentz. Bei seiner schweren Arbeit ärgerten ihn oft Nachbarskinder mit dem Spottnamen „Hummel, Hummel“. Bentz antwortete mit einem grimmigen „Mors, Mors“ – der plattdeutschen Variante für das Hinterteil.

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William Lindley

William Lindley hat sein Handwerk bei dem Londoner Ingenieur Francis Giles gelernt, der ihm alles über Wasserleitungen und Sielsysteme, aber auch Tunnel und Brücken beibrachte. Gemeinsam mit seinem Lehrmeister kam er 1838 nach Hamburg um die Bahnverbindung zwischen Bergedorf und Hamburg zu bauen. Schnell wurde der Brite ein gern gesehener Gast in der Gesellschaft. Wenige Tage nach dem Brand legte er seinen Plan für eine zentrale Kanalisation und Frischwasserversorgung vor.

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