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Teich und Häuser im Quartier aus der Vogelperspektive.

Wie Duschwasser ein ganzes Quartier abkühlt

Sommerserie: Cool bleiben!

Wenn das Wetter extremer wird, braucht es kluge Lösungen rund ums Wasser. In dieser Sommer-Serie schauen wir auf unsere kostbare Ressource und wie Hamburg sich auf den Klimawandel einstellt. Heute ein cooler Pilot.

Autor des Inhalts: HAMBURG WASSER. Datum der Veröffentlichung:

Mit einem großen Schwung zieht sich der Kühnbachteich durch das Quartier Jenfelder Au im Osten von Hamburg. Früher war die Fläche Militärgelände, heute ist man hier „am Wasser zuhause“, wie es auf den Werbebroschüren des Bauvorhabens hieß. Ein lebendiges Viertel ist entstanden, mit einem nicht minder lebendigen Mittelpunkt.

Ein See mit Enten, im Hintergrund eine Häuserzeile
Das Quartier Jenfleder Au (Foto: Jörg Böthling / HW)

Der Kühnbachteich ist ebenso Ort der Naherholung wie Lebensraum für Enten, Seerosen und Wildblumen. Und er erfüllt dabei auch praktisch-technische Aufgaben: Als Regenrückhaltebecken sorgt er dafür, dass das Quartier bei Starkregen nicht absäuft und dass es sich im Viertel auch im Hochsommer gut aushalten lässt. 

Natürliche Klimaanlage

Oberflächengewässer wirken im Grunde wie eine natürliche Klimaanlage: Verdunstet das Wasser, wird der Luft Wärme entzogen. Anders gesagt: Die Luft kühlt sich ab. Hinzu kommt, dass die Luftfeuchtigkeit in der Nähe steigt, extreme Hitze wird dadurch weniger belastend.  So verstärkt der Teich den Effekt von Pflanzen und Bäumen, die über ihre Blätter ebenfalls Wasser abgeben und Schatten spenden.

Welches Potenzial steckt in blau-grüner Infrastruktur?

Welches Potenzial hinter solchen Maßnahmen steckt, ist in einer Studie zum Mikroklima für die Jenfelder Au ermittelt worden. Angenommen wurde ein Idealzustand,  der in der Realität so nicht im gesamten Quartier umgesetzt wurde, aber das Potenzial zeigt. Neben einem vollständig gefüllten Teich und ausgewachsenen Stadtbäumen wurden dabei auch grünen Fassaden, Gründächer und weitere Maßnahmen einbezogen. 

Mit erstaunlichem Ergebnis: Theoretisch könnte die gefühlte Temperatur im Quartier durch blau-grüne Infrastruktur an heißen Tagen bis zu 10 Grad Celsius sinken. 

 

Studie zeigt: Theoretisch könnte die gefühlte Temperatur im Quartier an heißen Tagen bis zu 10 Grad Celsius sinken.

Zurück in die Praxis: Damit so eine natürliche Klimaanlage funktionieren kann, muss sie ebenso wie die Grünanlagen im Quartier gewässert werden. Andernfalls würde der Pegel des Teichs sinken, wenn Niederschläge im Sommer für längerer Zeit ausbleiben. 

Vorraussetzung für Grauwasserrecycling im Quartier

Um den Wasserstand auch in Phasen anhaltender Trockenheit stabil zu halten, geht das Quartier neue Wege: Seit 2025 wird der Quartiersteich mit aufbereitetem Grauwasser aus Dusche oder Waschbecken, sogenanntem Brauchwasser, gespeist.  

Info

Was ist Grauwasser?

Grauwasser ist Abwasser aus Duschen, Waschbecken oder Waschmaschinen. Es enthält keine Fäkalien und ist daher weniger belastet als Toilettenabwasser. Nach der Aufbereitung kann es als Brauchwasser wiederverwendet werden, etwa für Toilettenspülungen oder zur Bewässerung. So hilft Grauwasser, Trinkwasser zu sparen und Ressourcen zu schonen.

Möglich macht das der HAMBURG WATER Cycle, eines der größten Systeme zur sogenannten Stoffstromtrennung in Europa. Das innovative Abwassersystem ist als Reallabor in der Jenfelder Au installiert worden. Es trennt unterschiedliche Abwasserströme bereits an der Quelle, ähnlich wie bei der Mülltrennung: Regen, Grau- und Schwarzwasser werden in eigenen Kanälen gesammelt.

Auf dem Betriebshof im Quartier werden Schwarz- und Grauwasser weiter behandelt: Neben einer Biogasanlage für die Verwertung von Schwarzwasser aus Toiletten steht dort seit einigen Jahren auch eine Pilotanlage zur Aufbereitung von Grauwasser. 

Jeder Tropfen zählt HAMBURG WATER Cycle

Der HAMBURG WATER Cycle trennt Abwasserströme nach ihren Eigenschaften, um sie ökologisch sinnvoll vor Ort zu verwerten. Das Prinzip umfasst drei Kreisläufe.

Regenwasser

wird zur Bewässerung, Versickerung oder Verdunstung genutzt. Gut für Klima und Grundwasser.

Grauwasser

aus Dusche oder Waschmaschine wird so aufbereitet, dass es als Brauchwasser genutzt werden kann.

Schwarzwasser

aus der Toilette steckt noch voll mit Energie und Nährstoffen. Heraus kommen Strom oder Wärme.

Wie funktioniert das Grauwasserrecycling?

Wie das funktioniert, weiß Gregor Rudolph-Schöpping, der das Forschungsprojekt für HAMBURG WASSER geleitet hat. „Im Vergleich zu Schwarzwasser ist Grauwasser weniger verschmutzt“, erklärt der promovierte Verfahrenstechniker bei einem Besuch auf dem Betriebshof. Daher könne es durch biologische Prozesse und Filter vor Ort zu Brauchwasser aufbereitet werden. 

„Wir haben hier im Prinzip drei Stufen“, so Rudolph-Schöpping: „Im Feinrechen werden zunächst grobe Stoffe wie Sand oder Hygieneartikel herausgefiltert.“ Danach folgt die biologische Reinigung, bei der Mikroorganismen Schmutzstoffe binden. „Zuletzt wird das Wasser durch eine Ultrafiltrationsmembran weiter gereinigt.“ Die müsse man sich, wie einen sehr feinen Kaffeefilter vorstellen. 

 

Ein Mann mit einer Wasserprobe in der Hand in einem technischen Umfeld.
Gregor Rudolph-Schöpping, Projektleiter des Forschungsprojekts in der Jenfelder Au mit einer Probe des Grauwassers vor der Behandlung (Foto: Jörg Böthling / HW)

In einem ersten Forschungsprojekt “GRE-Y” konnte dieses Wasserrecycling bereits praktisch umgesetzt werden: Zwischen 2.000 und 10.000 Liter Brauchwasser werden seit 2024 pro Tag bedarfsgerecht an den Square Park, einen benachbarten Gewerbehof weitergeleitet. Zusammen mit Regenwasser wird es hier zur Bewässerung von Grünanlagen auf dem Gelände und an Fassaden genutzt, ersetzt Trinkwasser für die Toilettenspülung und schont so wertvolle Grundwasserressourcen. Rund 30 Prozent des täglichen Trinkwasserbedarfs lassen sich durch die Toilettenspülungen allein einsparen.  

Im Forschungsprojekt ANCHOR, das im Juni 2026 abgeschlossen wurde, konnten wir das Prinzip auf den Quartiersteich ausgeweitet. Mittlerweile kann die Anlage so bis zu 20.000 Liter Brauchwasser pro Tag aufbereiten – das Fassungsvermögen von rund 130 Badewannen – und an Gewerbepark und Teich weiterleiten. 

Warum wird Grauwasserrecycling in Zukunft wichtiger?

Je nach Rahmenbedingungen können Konzepte des Wasserrecyclings kommunalen Wasserversorgern in ganz Deutschland helfen, etwa bei der Vorbeugung von Nutzungskonflikten. Denn gerade im Falle längerer Trockenzeiten im Sommer steigt der Trinkwasserbedarf phasenweise massiv an. Gut 63 Prozent des häuslichen Wasserbedarfs sind saisonabhängig.

„Längere Trockenphasen werden im Klimawandel wahrscheinlicher“, erklärt Dr. Franziska Meinzinger, Leiterin Infrastrukturentwicklung bei HAMBURG WASSER: „Gerade dann, wenn viele Nutzergruppen auf unser Trinkwasser zugreifen, ist ein besonnener Umgang mit der kostbaren Ressource notwendig.“  

Mit der zunehmenden Begrünung der Städte wird die Nachfrage auch in urbanen Quartieren weiter steigen. Aufbereitetes Grauwasser kann dann ebenso wie zwischengespeichertes Regenwasser dabei helfen, diese Bedarfsspitzen im Sommer abzupuffern.

Das Portrait einer Frau.
Gerade dann, wenn viele Nutzergruppen auf unser Trinkwasser zugreifen, ist ein besonnener Umgang notwendig.
Dr. Franziska Meinzinger

Leiterin Infrastrukturentwicklung

Welche weiteren Anwendungsmöglichkeiten gibt es? Europaweite Pilotprojekte

Eine Gruppe von Menschen läuft durch das Quartier.
Voneinander Lernen: Rundgang durch die Jenfelder anlässlich der Abschlusskonferenz des ANCHOR-Projekts in Hamburg (Foto: Jörg Böthling / HW)

Dass HAMBURG WASSER die Pilotanlage zur Aufbereitung von Grauwasser für den Quartiersteich in der Jenfelder Au erweitern konnte, verdankt das Umweltunternehmen dem EU‑Förderprogramm Interreg Nordsee. Als Teil des Projekts Anchor konnten wir gemeinsam mit Partnern im belgischen Gent, in Kerkrade in den Niederlanden und in der schwedische Hafenstadt Helsingborg Piloten zur Stoffstromtrennung errichten, forschen und diskutieren.

„Der Blick nach Europa hat gezeigt, wie unterschiedlich die Herausforderungen, aber auch Möglichkeiten der Nutzung von zu Brauchwasser aufbereitetem Grauwasser sein können“, so Projektleiter Rudolph-Schöpping. In Helsingborg in Schweden ist die Versorgung eines anliegenden Schwimmbads geplant, in Gent, Belgien, profitiert bereits eine Seifenfabrik und in der niederländischen Gemeinde Kerkrade läuft das aufbereitete Grauwasser in die Trommeln von Gemeinschaftswaschmaschinen. 

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