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Darum erinnern wir am 8. September an die Opfer der NS-Zwangsarbeit

Mit einer Kranzniederlegung am Mahnmal erinnert HAMBURG WASSER am heutigen 8. September an die Opfer von NS-Zwangsarbeit bei den damaligen Hamburger Wasserwerken und der Hamburger Stadtentwässerung.

Gemeinsames Gedenken

Autor des Inhalts: Redaktion. Datum der Veröffentlichung:

Eine Gruppe von Menschen steht vor dem Mahnmal, das hoch in die Luft ragt und an dessen Fuß Kränze niedergelegt sind.
Gemeinsames Gedenken: Susanne Wald vom Projekt Italienische Militärinternierte (IMI), Sakia Herbst vom Personalrat HAMBURG WASSER, Gabriele Coppo als Angehöriger, Frauke Lucks, Leiterin unserer Netze, Mariane Pöschel (Kaltehofe), Francesca Fazion (Kulturinstitut), Holger Artus (IMI) und der Angehörigen Marco Di Lieto gedenken der Zwangsarbeiter am Mahnmal auf Kaltehofe (Foto: Sabrina Schmalz)

Mit einer Kranzniederlegung am Mahnmal erinnert HAMBURG WASSER am heutigen 8. September an die Opfer von NS-Zwangsarbeit bei den damaligen Hamburger Wasserwerken und der Hamburger Stadtentwässerung. 

Im Mittelpunkt des heutigen Gedenktages stehen die italienischen Militärinternierten, die nach dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten am 8. September 1943 von der deutschen Wehrmacht gefangen genommen und zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden. Mehr als 200 von ihnen mussten auf dem Gelände der Wasserkunst Kaltehofe Zwangsarbeiten leisten.

Die jährliche Gedenkveranstaltung ist Teil der aktiven Erinnerungskultur von HAMBURG WASSER. „Erinnerung darf nicht stehen bleiben. Sie muss weitergegeben werden“, betont Geschäftsführer Martin Gerhardt. 

Neue Führung zur NS-Zeit

Um die Unternehmensgeschichte weiter aufzuarbeiten und Wissen zu vermitteln, erweitert HAMBURG WASSER das Führungsangebot auf der Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe um die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der eigenen Geschichte.

Die neue Führung „Die Hamburger Wasserwerke im Nationalsozialismus“ findet einmal im Monat auf der Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe statt. Alle Termine sind im Veranstaltungskalender der Stiftung unter www.wasserkunst-hamburg.de/wasserkunst-kaltehofe/veranstaltungskalender zu finden.

Wasserkunst Elbinsel Kalthofe: Hauptgebäude mit umliegendem Grün

Als Zwangsarbeiter bei den Hamburger Wasserwerken Interview

Zum Thema NS-Zwangsarbeit haben wir mit der Historikerin Mariane Pöschel von der Stiftung Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe in unserem Podcast 33 Badewannen gesprochen. Hier ein Auszug als Interview.

Wer war Marino Ruga und wie kam er nach Hamburg?

Mariane Pöschel:

Marino Ruga wurde 1920 im Piemont geboren. Sein Vater arbeitete dort bei der italienischen Eisenbahn, seine Mutter war Hausfrau, er hatte noch zwei weitere Brüder.

Info

So kamen die Militärinternierten nach Hamburg

Nach dem 8. September 1943, an dem Italien und die Alliierten Waffenstillstand geschlossen haben, deportierte die Wehrmacht Marino Ruga und seine Landsleute nach Deutschland. Über 200 von ihnen wurden in den Hamburger Wasserwerken eingesetzt. An ihr Schicksal erinnert auch ein Mahnmal auf dem Gelände der Wasserkunst Kaltehofe.

Er ging bis zur fünften Klasse in die Schule und hat nach seinem Abschluss 1933 zuerst als Landarbeiter gearbeitet und später in einer Porzellanfabrik. Er war dann in der Zeit des Zweiten Weltkrieges Soldat für die italienische Armee und hat zunächst in Albanien gekämpft. 

Nach dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten wurde er 1943 nach Deutschland deportiert, zunächst in das Kriegsgefangenenlager Sandbostel b und später nach Hamburg. Dort musste er in einem Lager der Hamburger Wasserwerke Zwangsarbeit leisten.

Warum ist das Tagebuch von Marino Ruga so bedeutend?

Mariane Pöschl:
Für die Geschichte der Hamburger Wasserwerke und Kaltehofe gibt es nur wenige persönliche Zeugnisse. Oft bestehen die Quellen lediglich aus Listen. Das Tagebuch ist deshalb etwas Besonderes. Es wurde von seinem Sohn Gianni Ruga im Nachlass gefunden. Er wusste lange nur, dass sein Vater während des Krieges in Deutschland gewesen war, aber nicht, was er dort erlebt hatte. Über Kontakte zu Hamburger Gedenkstätten und zur Projektgruppe Italienische Militärinternierte wurde das Tagebuch schließlich übersetzt und historisch eingeordnet.

Für die Geschichte der Hamburger Wasserwerke und Kaltehofe gibt es nur wenige persönliche Zeugnisse.
Mariane Pöschel

Stiftung Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe

Wie sah der Alltag von Marino Ruga als italienischer Militärinternierter aus?

Mariane Pöschel:
Marino Ruga beschreibt, dass die Tage von schwerer körperlicher Arbeit geprägt waren. Auf Kalte Hofe arbeitete er an der Reinigung und Instandhaltung der Sandfilteranlagen. Ein zentrales Thema seiner Aufzeichnungen ist der Hunger. Die Suche nach zusätzlicher Nahrung bestimmte den Alltag und die Gespräche unter den Gefangenen. Gleichzeitig mussten die Menschen unter den Bedingungen des Krieges und der Bombardierungen weiterarbeiten.

Auszug aus dem Tagebuch

Donnerstag, 11. November 1943

Sankt Martin ist ein trauriger Tag mit Regen und Kälte, und obendrein musste ich noch damit beginnen, weitere Ziegelsteine am Fluss zu entladen. Allgemeine Beschwerde aller Männer über die Unmöglichkeit, zu arbeiten. Einschüchterung und Drohungen von deutscher Seite, aber sie  mussten sich damit abfinden. In der Tat geben sie uns am Nachmittag Handschuhe, um unsere bereits aufgeschürften Hände zu schützen. Am Mittag und am Abend ausgezeichnetes Essen. 

Der Schwarzmarkt mit den internierten französischen, holländischen und anderen Arbeitern läuft weiter, aber es gelingt mir nicht, meinen Silberring zu verkaufen, mit dem ich seit einigen Tagen beharrlich zu handeln versuche. Bei der Arbeit habe ich einen Mann aus Vintebbio getroffen, mit dem ich viel über unser Zuhause und die Dörfer rede. Sie haben uns heute Abend mitgeteilt, dass wir bald zweimal in der Woche nach Hause schreiben können. Hoffen wir: bald; wir müssen alle endlich, nach fast drei Monaten, Nachrichten an unsere Lieben in Italien senden können. 

Das Tagebuch weiterlesen

Das komplette Tagebuch mit historischer Einordnung wurde 2023 von der Projektgruppe „IMI in Hamburg“ herausgegeben – und ist auf der Website der Initiative frei verfügbar.

Welche Rolle spielte Zwangsarbeit bei den Hamburger Wasserwerken und in Hamburg? 

Mariane Pöschel: 

Zwangsarbeit war ein Massenphänomen. Im Deutschen Reich gab es etwa 13 Millionen Zwangsarbeitende, in Hamburg rund 500.000 Menschen.

Im Deutschen Reich gab es etwa 13 Millionen Zwangsarbeitende, in Hamburg rund 500.000 Menschen.

Bei den Hamburger Wasserwerken waren vermutlich mehrere Hundert Zwangsarbeitende eingesetzt, darunter italienische Militärinternierte, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge. Die Menschen waren im Stadtbild sichtbar und in vielen Betrieben ein wesentlicher Teil der Belegschaft. Ohne ihre Arbeit hätte die Kriegswirtschaft nicht aufrechterhalten werden können. 

Wie erinnert HAMBURG WASSER heute an dieses Kapitel der Unternehmensgeschichte? 

Mariane Pöschel: 

Auf Kaltehofe gibt es seit 2016 ein Denkmal für die italienischen Militärinternierten. Wir möchten das Thema künftig stärker sichtbar machen, unter anderem durch zusätzliche Informationstafeln und spezielle Führungen. Die Wasserkunst Kaltehofe ist ein Ort, an dem sich mehrere Geschichten von Zwangsarbeit erzählen lassen, weil hier sowohl italienische Militärinternierte als auch KZ-Häftlinge eingesetzt wurden. Diese Geschichte soll künftig stärker in die Bildungs- und Erinnerungsarbeit eingebunden werden.

Das ganze Gespräch Podcast 33 Badewannen

Das Interview ist eine gekürzte Version der aktuellen Folge unseres Podcasts 33 Badewannen.  Darin schauen Natalia Möbius und Sebastian Knorr hinter die Kulissen von HAMBURG WASSER, einem der größten Wasserver- und Abwasserentsorger Deutschlands. Regelmäßig sprechen sie mit Expert:innen: Über innovative Technologien, echte Herausforderungen und Geschichten, die hinter der täglichen Versorgung von über zwei Millionen Menschen stecken. Zu hören, auf YouTube und überall, wo es Podcasts gibt. 

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